Venustransit vom 06.06.2012


Es ist wieder so weit!

Früher hatte ein Venusdurchgang vor der Sonne eine große Bedeutung. Bei einem Durchgang vor der Sonne kommt die Venus der Erde recht nahe, und das bedeutet eine durch Parallaxe geringfügig verschobene Spur der Venus vor der Sonne für Beobachtungsorte, die zum Beispiel in Nord-Südrichtung auf der Erde möglichst weit voneinander entfernt sind. Aus den daraus resultierenden Differenzen der Kontaktzeiten am Sonnenrand und der Lage der Kontaktpunkte am Sonnenrand kann man mit verschiedenen mathematischen Ansätzen letztlich die Entfernung der Erde von der Sonne berechnen, damals die einzige Möglichkeit. Dazu waren strapaziöse und teilweise auch gefährliche Expeditionen erforderlich, und wegen des geringen Effekts waren genaue Messungen von Zeiten und Positionen auf der Erde notwendig, die mit den damaligen Methoden nur bedingt möglich waren. Damit man sich ein Bild machen kann, einige Zeiten (UTC) und Kontaktwinkel am Sonnenrand: Für einen Ort in Norwegen beginnt der Transit 22.04 bei Winkel 42,2 Grad und endet 04.53 mit Winkel 288,7 Grad, für einen Ort in Australien ist der Beginn 22.16 bei Winkel 39,9 Grad und Ende 04.44 bei Winkel 291,5 Grad. Das Beispiel ist natürlich extrem gewählt, die Kontaktzeiten unterscheiden sich beim ersten und zweiten Kontakt um 12 bzw. 9 Minuten, die Dauer des Transits um 21 Minuten, die Kontaktwinkel bis zu drei Grad. Damals war auch die Orientierung auf der weitgehend referenzpunktlosen Sonnenoberfläche nicht einfach. Heute ist das ein Kinderspiel, mit einer Radarmessung misst man bequem  Entfernungen im Sonnensystem, und kann sogar metergenaue Bilder vom Mond erzeugen. Aber so sind die Menschen nun einmal: Statt abzuwarten, und sich bequem im Hubschrauber zum Südpol fliegen zu lassen, hat man sich bis zum Tod durch die Eiswüste gequält, und es bleibt die Frage ob das heldenhaft oder eher nur dumm war.

Zwangslage: Ein astronomisches Ereignis dieses Ranges muss man natürlich unbedingt beobachten, nach 2004 der zweite und letzte Venusdurchgang in diesem Jahrhundert, eine Simulation kann man hier starten. Wegen der Neigung der Venusbahn gegen die Erdbahn kommt es nur extrem selten zu Venusdurchgängen, weil die Venus normalerweise über oder unter der Sonnenscheibe an der Sonne vorbeizieht. Kein jetzt lebender Mensch wird eine zweite Chance bekommen, aus und vorbei! In den Printmedien und im Fernsehen wurde schon Tage zuvor unübersehbar darauf hingewiesen, und so baute sich unaufhaltsam der Zwang auf, auch persönlich das Ereignis gebührend zu zelebrieren. Schließlich wollte man sich später nicht vorwerfen müssen, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Unser innerer Schweinehund argumentierte vehement gegen einen Beobachtungsversuch, und hatte durchaus gute Argumente: Erstens hatten wir schon 2004 Glück mit dem Wetter, und sehr schöne hochauflösende Bilder vom Venusdurchgang mit unserem Teleskop gemacht, die die Venus als scharf begrenzte Scheibe vor der formatfüllenden  Sonnenoberfläche zeigen. Zweitens läge die Beobachtungszeit für den Durchgang 2012 um den Sonnenaufgang kurz nach 5 Uhr herum, also sollte man bereits spätestens 4.30 Uhr vor Ort sein, um die Kameras aufzubauen. Drittens ist eine freie Sicht bis zum Horizont erforderlich, und die finden wir nicht vor der Haustüre, sondern erst nach einer längeren Autofahrt. Das bedeutet Aufstehen um 3 Uhr in der Nacht. Viertens: Die Wetterlage war schon Tage vor dem Durchgang extrapolierbar, es würde in unserer Region am Alpenrand mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit nur eine geschlossene Wolkendecke geben, und bei einem Vorgang am Horizont reichen schon ganz wenige Wolken um die Sicht zu blockieren, auch wenn es nach oben gesehen große Wolkenlücken gibt. Wer würde wohl so blöd sein, und sich unter diesen Umständen die Nachtruhe rauben lassen, meinte unserer innerer Schweinehund siegessicher.

Neue Betrachtungsweise

Nach längerem hin und her rückte der Tag des Durchgangs unaufhaltsam näher, und eine Entscheidung musste getroffen werden. Hatten wir bisher fast immer auf möglichst scharfe und hochauflösende Fotos mit einem teuren Sonnenteleskop (im verlinkten Bild  rechts) gesetzt, und das Gerät nebst Computer mühsam durch die Gegend geschleppt, so kam uns nun die Erleuchtung, dass dieser Aufwand angesichts der zweifelhaften Wetterlage und der Horizontnähe des Ereignisses nicht unbedingt sinnvoll ist, und man es ja stressfrei mit viel kleinerem Gerät auch mal versuchen könnte. Mit einer kleinen Kamera und einem Teleobjektiv einfach so vom Stativ einen herrlichen Sonnenaufgang mit Wolkenstreifen und allen Farbspielen von Dunkelrot bis Hellgelb zu fotografieren, das wäre doch mal was anderes, welches riesige Sonnenbild mit gestochen scharfem schwarzen Scheibchen der Venus könnte mit einem solchen stimmungsvollen Foto konkurrieren? Statt nervigem Herumfingern an der Technik könnte man die Stimmung voll auf sich wirken lassen, und so das Ereignis unvergesslich machen, wie es uns auch bei der Mondfinsternis 2011 gelungen war. So sollte es also sein, mit kleinem Gerät, bei jedem Wetter sollte ein Versuch gestartet werden.

Ausrüstung: Als Kamera besorgten wir uns eine Canon EOS 500D mit APS-C Sensor und 15 Megapixeln. Als Optik blieb uns nur die Wahl zwischen einem 300mm Teleobjektiv der Kamera oder der Adaption einer 500mm f/8 Spiegeloptik, einer so genannten "Russentonne". Obwohl wir keine Zeit und keinen klaren Himmel mehr für Experimente hatten, wählten wir die 500mm Spiegeloptik, weil das Sonnenbild mit ca. 5mm Durchmesser dort wenigsten 1/3 der Sensorhöhe betrug. Zufällig hatten wir noch Graufilter mit dem erforderlichen 72mm Gewinde in den Stärken 64x, 1000x und 10000x, das sollte ausreichen. Ein wenigstens einigermaßen stabiles Stativ rundete unsere Ausrüstung ab, auch einige Brillen zur Sonnenbeobachtung wurden hervorgekramt.

Beobachtungsort: Eigentlich ist der Irschenberg an der Salzburger Autobahn unser bevorzugter Standplatz, wir trauten der Sache aber nicht ganz, und fuhren sicherheitshalber mit Kompass bewaffnet zur Besichtigung. Unsere Astronomie-Software lieferte für den Sonnenaufgang eine Himmelsrichtung von etwa 54 Grad, und ausgerechnet in dieser Richtung ist der Blick auf den Horizont in einem ganz kleinen Sektor nicht möglich. Was nun? Aus meiner Drachenflieger-Zeit erinnerte ich mich an einen 700m hoch gelegenen Aussichtspunkt am Samerberg, also rein ins Auto, und einige Kilometer weiter erwies sich dieser Aussichtsplatz als Volltreffer. Ein unvergleichliches180 Grad Panorama des ganzen Alpenvorlands lag uns zu Füßen, nach Nordosten reichte es über  den Chiemsee weit nach Österreich hinein. Der Kompass zeigte in der gewünschten Richtung in großer Entfernung einen kleinen Hügel mit einem gerade noch winzig erkennbaren Turm darauf, der etwas über den Horizont hinausragte. Daheim stellten wir mit Google Maps die Richtung zu diesem 9km entfernten Hügel mit knapp 53 Grad fest, die Sonne sollte also ein Grad rechst davon um 5.14 Uhr aufgehen. Wir waren erleichtert, das Problem "freier Horizont" war in idealer Weise geklärt!

Bild oben: Es zeigt die ungefähr 700m hoch gelegene Kapelle am Aussichtsplatz Samerberg, die Koordinaten  liegen bei ungefähr 47,783 Grad  Nord und 12,205 Grad Ost. Hinter der Kapelle verbirgt sich ein atemberaubendes 180 Grad Panorama über das ganze Alpenvorland. In Richtung 53 Grad ist am Horizont ein Hügel zu sehen, auf dem ein Funkturm steht. Besser erkennbar ist der Turm auf dem Bild rechts, das mit einem starken Teleobjektiv aufgenommen wurde. Rechts von dem Hügel ist ganz schwach im Dunst der Ciemsee zu erkennen, der sich hinter dem Hügel nach links fortsetzt. Ein Grad rechts von dem Funkturm sollte -so wir uns nicht geirrt haben- die Sonne am Tag des Transits aufgehen.

Bild unten: Es entstand nach dem Venustransit zur Klärung der Frage, wie scharf ein einzelnes Bild einer preisgünstigen Optik direkt am Horizont bei unruhiger Luft überhaupt werden kann. Wir machten mit dem Spiegeltele eine Aufnahme eines Hochspannungsmasts in zwei Kilometern Entfernung. Aus diesem Bild entnahmen wir einen kleinen Ausschnitt "Einzelbild". Dann erstellten wir ein Video mit 300 Bildern, nach der Überlagerung und Schärfung entstand das Bild "Mast mit Teleobjektiv", das unten stark verkleinert abgebildet ist. Aus diesem Bild stamm der Ausschnitt "Summenbild". Man erkennt unschwer, dass das Einzelbild erheblich unschärfer ist, als die  Überlagerung. Das Summenbild bei kleiner Luftunruhe ist dabei die  absolute Grenze des  Machbaren. So gesehen hatten wir beim Transit noch Glück, der abgebildete Funkturm zeigt, dass wir trotz erheblicher Luftunruhe noch recht scharfe Einzelbilder bekommen haben. Schon eine reife Leistung für eine preiswerte Optik, einen einzelnen Isolator eines winzigen Masts am Horizont noch so ordentlich abzubilden. Leider ist das Fokussieren sehr kritisch, schon wenige Zehntel Millimeter am Umfang des Stellrings gedreht, und der Fokus ist im Eimer, so auch bei einigen Bildern später geschehen.

Es bleibt die Feststellung, dass speziell die Einzelbilder auch bei geringer Unruhe nicht die theoretisch mögliche Schärfe erreichen. Um zu untersuchen, ob das an der mangelnden Qualität der Optik liegt, wurde  noch ein Versuch mit einer Kamera mit nur halb so großen Pixeln (2,2 statt 4,4 Mikrometer) gestartet. Wegen der halben Pixelgröße wurde der Isolator doppelt so  groß abgebildet, dabei stört schon die geringste Luftunruhe, und das Bild  musste stark bearbeitet werden. Dann zeigte  sich sogar die Rillenstruktur der Isolatorkörper (wohlgemerkt aus zwei Kilometern Entfernung aufgenommen), und belegte die ausreichende Qualität der Optik. Hier kann man nachlesen, dass bei optimaler Anpassung des Bildsensors mit der Pixelgröße x für die Blende f der Optik  f = 3,6x gelten muss, um die Optik voll auszureizen. Bei 2,2 Mikrometern wäre das  also Blende 8, und genau diese Blende hat auch unsere Spiegeloptik. Das zeigt, dass bei Einzelbildern viele kleine Pixel besser sind, als größere Pixel. Obwohl bei der normalen Fotografie (speziell mit weniger guten Objektiven) ein Sensor mit vielen sehr kleinen Pixeln nicht immer sinnvoll ist, sollte man bei der hochauflösenden Astrofotografie gerade diese Sensoren bevorzugen. Das gilt natürlich nicht bei der Deepsky-Fotografie lichtschwacher Nebel, dort sind lichtempfindliche, große Pixel mit geringem Bildrauschen wichtiger als maximale Auflösung.

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Beobachtungsbericht (Zur Betrachtung der Bilder die F11-Taste für Vollbild drücken)

Als um 3 Uhr in der Früh der Wecker klingelte kam uns nur ein Wort in den Sinn, das mit "S" beginnt. Obwohl es am Abend vorübergehend  klar war, hatte der Wetterbericht für den Morgen eine geschlossene Wolkendecke vorausgesagt, die im Laufe der Nacht von Westen her über ganz Bayern bis zur Österreichischen Grenze voranschreiten sollte. Uns so war es dann auch. Dennoch wuchteten wir unsere müden Knochen in das Auto, und rauschten auf der Autobahn gen Süden. Bei Holzkirchen drehte die Autobahn nach Osten, und  die ersten Regentropfen prasselten auf die Frontscheibe. Prima, so hatten wir uns das auch vorgestellt. Umkehren? Nein, jetzt erst recht nicht! Aber was war das? Als wir einige Zeit später den Irschenberg hinunter fuhren, zeigte sich ein schmaler heller Streifen am östlichen Horizont, genau über der Grenze nach  Österreich. Hoffnung keimte auf, die Sonne eventuell doch für wenige Minuten beim Aufgang beobachten zu können.

Als wir eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang am Standplatz ankamen, bot sich ein atemberaubendes Spektakel am Horizont, genau dort, wo die Sonne aufgehen sollte, flammte unter der drohend dunklen Wolkendecke ein farbenprächtiges Feuerwerk wie auf einer kitschigen Postkarte. Langsam ließ der Regen nach, und wir zweckentfremdeten unsere Kamera zunächst für einige Bilder der Umgebung, die sich langsam  aus der Dämmerung schälte. Hinter der Kapelle am Aussichtspunkt strahlte schon 30 Minuten vor Sonnenaufgang ein glühender Streifen Horizont, und erhellte einige Minuten später das Alpenvorlands von Osten bis zum Simssee im Norden, während der westliche Teil noch im grauen Regen versank. Unschwer erkannten wir unseren Hügel, hinter dem die Sonne aufgehen sollte, am besonders hellen Feuer darüber. Rechts davon beobachteten wir einen schmalen, violetten Streifen etwas unterhalb des  Horizonts, den rechten Teil  des Chiemsees, der erst links hinter dem Hügel endet. Verloren in weiter Ferne bewegten sich die Lichter einige Fahrzeuge auf der Salzburger Autobahn.

 

 

Wir waren begeistert, alleine wegen dieser visuellen  Impressionen hatte sich die ganze Mühe schon gelohnt, und die Venus war vorübergehend vergessen. Wir waren so sehr in die Betrachtung des unverhofft prächtigen Spektakels vertieft, dass wir fast vergessen hätten, die Optik für den Venusdurchgang zu montieren. Etwas Probleme machte die Fokussierung der notdürftig an die  Kamera adaptierten Spiegeloptik, und schon lugte der obere Sonnenrand am Horizont hervor, genau da, wo wir es vorausberechnet hatten. Nachdem wir einige Bilder ohne Filter geschossen hatten, montierten wir das 64x Graufilter, eventuell etwas zu früh, was zu relativ langen Belichtungszeiten führte, die bei der extremen Luftunruhe am Horizont nicht förderlich waren. Mit bloßem Auge war die Venus vor der durch Luftunruhe verzerrten Sonne nicht zu sehen. Nach wenigen Minuten war es vorbei, die Sonnenscheibe schob sich unerbittlich unter die drohende Dunkelheit der Wolkenschicht, ein letztes Aufblitzen, und sie war  verschlungen. Nun ja, besser als wir es hätten erwarten dürfen war das allemal.

Ob wir wohl unsere Chance genutzt hatten? Das Stativ war wohl doch für die extrem lange Brennweite der Spiegeloptik und den, nach einer kurzen Nacht, zitterigen Fingern etwas zu schwach ausgefallen, und das Fokussieren war Glücksache. Man hätte das eben doch zuvor mal üben sollen! Also schnell den Laptop hervorgekramt, und mit ängstlicher Erwartung einen Blick auf die Bilder geworfen. Wir waren erstaunt, der fast 10 Kilometer entfernte Funkturm hatte beim Fokussieren im Sucher eine durchaus nicht unerhebliche Luftunruhe gezeigt, war aber auf den Bildern relativ scharf abgebildet. Die Sonne erschien allerdings extrem verzerrt durch horizontnahe Schichtungen in der Atmosphäre, aber schon auf den ersten Bildern war die Venus wenigsten schwach zu erahnen. Besser als ein bewölkter Himmel mit Regen machte sich das glühende Rot-Orange auf den Fotos allemal.

Doch dann war es schon wieder vorbei! Leichter Regen und dichte Wolken, von der Sonne keine Spur. Wir flüchtete in die Geborgenheit des Autos, warfen die Standheizung an, und mampften die mitgebrachten Semmeln. Bei einem warmen Becher Tee kam die Idee, nun schnell nach Hause zu düsen, aber was war das? Im Westen zeigte sich eine schmale Wolkenlücke? Und was soll man sagen, leichter Föneinfluss ließ die Wolken am Rand der Berge dünner werden, und wir warteten noch eine Weile ab. Spannung kam auf, ob die Sicht durch die Wolken noch vor Ende des Durchgangs einen Blick auf die Sonne freigeben würde, und tatsächlich, das kaum erwartete trat ein, und wir konnten noch einige Fotos machen. Nicht die perfekte Sonnenscheibe mit einer perfekten, großen Venus, sondern (gemäß unserer neuen Philosophie) viel schöner, stimmungsvolle Bilder mit herrlichen Wolkenstrukturen, durch die nicht nur die Venus sondern sogar einige Sonnenflecken zu sehen waren. Volltreffer! Die ziehenden Wolken verhinderten eine einfache Identifizierung der Venus mit bloßem Auge, einigen anderen Frühaufstehern konnten wir die Venus aber wenigstens auf dem Display der Kamera präsentieren.

Bei der Heimfahrt musste die jüngere Klientel zur Abrundung des Ereignisses auf der Raststätte Irschenberg unbedingt noch McDonalds besuchen, und einen Kaffee mit Cookie frühstücken, um das Erlebnis endgültig als gelungen abzulegen. So wird es Alt und Jung sicher unvergesslich bleiben. Übrigens ein voller Erfolg unserer minimalistischen Philosophie: Stimmungsvolle Bilder mit wenig Technik und viel Zeit zum nachhaltigen Erleben schlagen perfekte Bilder mit viel Technik, eine Erkenntnis, die wir uns für kommende Ereignisse merken werden.  Alles in allem also ein völlig unerwartetes "Happy End" für unsere Aktion.

Bilder oben: Venus kurz vor dem Verlassen der Sonnenscheibe. Auf dem linken Bild sind zwei größere Sonnenflecken zu erkennen, die eine sehr gute Lagebestimmung auf der Sonnenscheibe zulassen. Die Bilder entstanden auch mit der MTO-Optik. Leider war die Optik bei einigen Bildern mit dem 3. Kontakt (Venus berührt die Sonnenscheibe von innen) defokussiert, weil  sie nur provisorisch adaptiert war. Dennoch haben wir einen Ausschnitt aus einem solchen Bild für die Zeit 06:37:42 eingefügt. Die offizielle Angabe  für den 3. Kontakt für 50 Grad Nord und 10 Grad Ost ist 06:37:32. Wir freuen uns über die gelungenen sehr stimmungsvollen Bilder, die ganz ohne  Stress und  große Kameras entstanden sind. Lediglich die horizontale Lage der Kamera wurde mit einer Wasserwaage am Stativ eingestellt.

Bilder oben: Zum Schluss noch ein Zusammenstellung von Fotos, die in den wenigen Minuten entstanden sind, in denen die Sonne durch das schmale Wolkenfenster am Horizont zu sehen war. Wie an dem Funkturm und den Spitzen der Bäume in immerhin fast 10km Entfernung zu sehen ist, war die Kamera scharf fokussiert. Interessant ist daher die extreme Verzerrung, Brechung und eventuell auch Spiegelung, die an der Sonne und der Venus zu sehen ist. Im zweiten Bild von links ist die Venus flach gequetscht wie ein Pfannkuchen, im zweiten Bild  von rechst ist sie  dafür sogar doppelt zu sehen. Leider erkennt man noch keine Sonnenflecken, die Venus teilt aber im rechten Bild die horizontale Linie durch die Sonne im Verhältnis 2:1, genau wie es auch der Simulation für den Zeitpunkt 5:20 unten entnommen werden kann.

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Simulation des Durchgangs

Um nun wenigstens ungefähr zu wissen was uns erwartet, erstellten wir einen Tag zuvor eine Simulation des Sonnenbildes. Da die Polachse der Sonne am 6. Juni mit dem Nordpol nach rechts geneigt gerade quer zur Erde steht, liegt ihr Äquator um ca. 7,25 Grad nach rechts geneigt zur Umlaufbahn der Erde (Ekliptik). Die Lage des Sonnenäquators entnahmen wir zwei Sonnenbildern der NASA durch Messung der Verschiebungsrichtung der Sonnenflecken, die Bilder waren recht genau mit dem Sonnen-Nordpol nach oben ausgerichtet. Eine um 7,25 Grad gegen den Äquator nach links gedrehte Linie ergab dann die Lage der Ekliptik vor der Sonnenscheibe. Die Linie durch den Mittelpunkt der Sonnenscheibe in den Bildern unten stellt die so bestimmte Ekliptik mit korrekter Lage zum Sonnenäquator und zu den Sonnenflecken dar. Dann wurde das komplette Bild zusätzlich so gedreht, dass die Ekliptik für unseren Beobachtungsort im richtigen Winkel zum Horizont liegt, einmal kurz nach Sonnenaufgang (30 Grad), und einmal für das Ende des Transits (37 Grad). Genaueres dazu weiter unten.

Die Bahn der Venus vor der Sonne ergibt sich aus der Bahnneigung der Venusbahn von 3,4 Grad gegen die Ekliptik und der relativen Bewegung der Erde gegen die Venus. Ein Venusumlauf um die Sonne von 224,7 Tagen ergibt eine Bewegung der Venus um die Sonne von 1,6 Grad pro Tag. Würde die Erde stillstehen, so wäre der Winkel der Venusbahn gegen die Ekliptik die Bahnneigung der Venus gegen die Erdbahn von 3,4 Grad. (Würde die Erde synchron mit der Venus umlaufen, so würde die Venus relativ zur Ekliptik unter 90 Grad von oben nach unten durch die Sonne laufen).  In Wirklichkeit bewegt sich die  Erde aber auch um die Sonne, sie ist im Juni relativ weit von der Sonne entfernt, und läuft mit etwa 0,96 Grad pro Tag (aus Astronomie Software entnommen). Die Venus bewegt sich also relativ zur Erde nicht mit 1,6 Grad  pro Tag, sondern nur mit 1,6 - 0,96 = 0,64 Grad. Der Durchgang dauert also um den Faktor 1,6/0,64 = 2,5 länger als bei ruhender Erde. Entsprechend kommt die Venus während des Transits bei ihrer Bewegung von oben nach unten auch 2,5 mal so weit voran, was  den bei ruhender Erde gegebenen Winkel von 3,4 Grad fast exakt um den Faktor 2,5 steiler macht. Es ergibt sich 3,4 x 2,5 = 8,5 Grad. Die genauere Rechnung mit Winkelfunktionen ergibt einen minimal kleineren Wert. Alle anderen endlos vielen Einflüsse haben wir vernachlässigt, sie spielen eine relativ geringe Rolle. Wir verwenden also einen Winkel von ungefähr 8 Grad der Venusbahn vor der Sonne gemessen gegen die Ekliptik. Der minimale Abstand der Bahn vom Sonnenmittelpunkt ist 9,23 Bogensekunden bei einem Sonnenradius von etwa 15,77 Bogensekunden, damit konnte die Bahn festgelegt werden. Es wurde dann noch eine lineare Zeitskala angetragen, die die Position der Venus zu einer bestimmten Zeit anzeigt.

Weil wir in unserem neuen Einfachheitswahn auf eine Fernrohrmontierung verzichten, und unsere Kamera auf ein primitives horizontal ausgerichtetes Stativ setzen, muss die zuvor erstellt Simulation nun noch so gedreht werden, dass die Ekliptik in die Lage kommt, die sie zum Zeitpunkt der Beobachtung relativ zum Horizont hat. Den Winkel der Ekliptik gegen den Horizont haben wir aus unserem Astronomieprogramm für den Anfang (30 Grad um 5.14 MESZ) und gegen Ende (37 Grad um 6.46 MESZ) des Venusdurchgangs für unseren Beobachtungsplatz heraus gemessen, und simulierte Bilder für Anfang und Ende des Durchgangs erstellt. (Hinweis für den Profi: Die Bildfeldrotation verläuft nach links, solange sich der Vorgang im nordöstlichen Sektor abspielt). Die Sonnenflecken des Vortags wurden dabei so verschoben, wie es der Rotation der Sonne entsprich, und in das Bild eingefügt. Dann haben wir noch die so bearbeitete Sonne für einen Zeitpunkt kurz nach Sonnenaufgang in das Bild einer unserer alten horizontnahen Sonnenfinsternisse eingesetzt und nach einiger Bearbeitung mit Photoshop (vertikales Stauchen, Helligkeitsverlauf etc.) ergab sich ein nettes Ergebnis (Bild unten links). Hintergedanke: Auch wenn das eigentliche Ereignis sich unserer Beobachtung entziehen würde (und genau danach sahen die Wetterberichte aus) hätten wir wenigsten diese Simulation vorzuweisen.

Sowohl die im Internet veröffentlichten Daten als  auch unsere Rechenkünste sind mit Vorsicht zu genießen, uns so waren wir gespannt, wie genau oder ungenau wir die Wirklichkeit getroffen haben. Der Winkel linksherum gegen die Nordrichtung der Ekliptik, bei dem die Venusbahn die Sonne am Rand rechts verlässt, haben wir zu 297 Grad aus unserer Simulation entnommen. In der Praxis misst man diesen Winkel aber aus Bequemlichkeit nicht gegen die Nordrichtung der Ekliptik, sondern gegen die Nordrichtung am Himmel, weil diese Richtung weltweit bei einer parallaktischen Montierung immer oben ist. Aus unserem Astronomie-Programm ergibt sich für den Tag des Durchgangs eine 6 Grad Drehung nach links, was einen Winkel von 297 - 6 = 291 Grad ergibt. Mittelt man die in den Daten veröffentlichten Winkel von 293/290 Grad für den dritten/vierten Kontakt, so kommt man auf 291,5 Grad, das passt also hervorragend. Kontrollieren konnten wir das später mit dem weltweit veröffentlichten Bildmaterial auch für den ersten/zweiten Kontakt, was  ebenfalls genau passte. Wunderbarerweise gab es auf der Sonne prägnante Sonnenflecken, die unbestechliche Bezugspunkte bildeten, und Kontrollen sehr vereinfachten. Wir haben Simulation und Foto der Venus auf dem Sonnenrand ohne jede Anpassung (keine Drehung etc.) transparent übereinander gelegt, die Bilder sind inklusive der Sonnenflecken deckungsgleich. Wir waren über die Treffsicherheit unserer simplen Simulation durchaus erstaunt. Nun ja, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.....


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